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Differenzen über-Brücken

Seit nunmehr 20 Jahren verbindet die Hochrheinbrücke das deutsche und schweizerische Laufenburg miteinander. Der Bau der imposanten Spannbetonbrücke von 225 Metern Länge birgt dabei eine (erst aus nachträglicher Sicht) lustige Anekdote:

Die Planer*innen der beiden am Bau beteiligten Länder stellten gemäss Moritz Leuenberger, dem damaligen Bundesrat und Vorsteher des Eidgenössischen Departements für Verkehr «mit deutscher und schweizerischer Gründlichkeit ihre Berechnungen an». Von beiden Seiten begann der Bau.

«Als die beiden Hälften hätten vereinigt werden sollen, ergab sich ein Höhenunterschied von 27 cm. Ein Rätsel. Die Berechnungen stimmten, aber die Differenz blieb. Der Oberexperte aus Deutschland reiste verzweifelt in die Ferien in die Toskana am Mittelmeer, derjenige aus der Schweiz nach Sylt, an die Nordsee. Das brachte die Wahrheit ans Licht», so der Bundesrat weiter in seiner Rede vom 7. März 2006: «Es lag an der Meereshöhe. Wir in der Schweiz berechnen sie ab dem Mittelmeer. Sie in Deutschland berechnen sie ab der Nordsee.»

Bei der aus den verschiedenen Referenzhorizonten resultierenden Höhendifferenz verhält es sich wie mit vielen Konflikten: Sie entstehen aus verschiedenen Rückbezügen und verschiedenen Perspektiven, unterschiedlichen Werten und Normen, die als so selbstverständlich erachtet werden, dass man sie weder hinterfragt noch auch nur erwähnt.

Genau hier liegt der Nutzen der Mediation als Methode der Konfliktbearbeitung: Die Beteiligten gehen hinter ihre Positionen zurück und erhellen das, worauf sie sich beziehen, von welchen Grundsätzen sie ausgehen. Diese bilden die Basis, von welcher aus Optionen und Lösungsideen gesucht werden.

Die Brücke von Laufenburg konnte trotz dieses Schocks erfolgreich fertiggestellt werden. Sie zeigt: Das richtig Gerechnete allein mit mehr Vehemenz zu vertreten, hätte wenig genützt. Nur am Rande sei erwähnt, welches Kuriosum die Brücke zum erfolgreichen Fasnachtssujet machte: «Die 27 cm wurden auf der einen Seite korrigiert», so Bundesrat Leuenberger, «leider in die falsche Richtung, womit die Differenz auf 54 cm anwuchs. Der Fehler lag beim Schweizer Ingenieurbüro.» Passiert den Besten.